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Indonesien: 1. Teil
Montag, den 02. November 2009 um 11:42 Uhr
Wir verlassen Darwin entgegen seemännischen Aberglaubens an einem Freitag (und ohne etwas Grünes zu tragen), vor allem aber in dem Bewusstsein, dass die Etappen von jetzt an bis Singapur schwierig und windarm sein werden. Zufällig treffen wir in Darwin noch Rod (Heikell) und Lu von der „Skylax“, die wir bereits aus dem Pazifik kennen. Rod gilt als Bibelautor, hat zahlreiche klassische Segelrevierführer verfasst, und seine Erfahrung sucht wohl ihresgleichen – wenn „Skylax“ noch in Australien weilt, können wir mit unserem Zeitplan nicht so falsch liegen.
Nach fünf Tagen fahren wir nachts im dichten Verkehr – ein gänzlich unbeleuchteter Frachter kommt uns entgegen – durch die Seman Strait auf Kupang zu. Wir nehmen den Geruch Asiens auf und ankern um 04.00 morgens vor der Stadt – wir sind in West Timor. Wie muss sich William Bligh gefühlt haben, nachdem er im Zuge der Meuterei auf der Bounty mit 18 Getreuen in einer 23 Fuß Barkasse in Tonga ausgesetzt wurde und nach 3600 Seemeilen in dem überfüllten offenen Boot hier angekommen ist?
Für Interessierte findet sich ein kurzer Anhang am Ende dieses Textes über William Bligh und seine außergewöhnliche navigatorische und seemännische Leistung.

Wir versuchen das heikle und konfuse Einklarierungsprozedere, das diese Saison wie ein Damoklesschwert über nahezu allen Seglern schwebt, hier durch den Agenten Napa friktionsfrei hinter uns zu bringen. Bereits von Australien aus haben wir die offensichtliche lokale „Größe“ Napa privat und ohne Vermittlung einer Organisation kontaktiert, und tatsächlich scheinen die wirklich kaum vorstellbare Willkür und Korruption dieses Landes für uns zu laufen – scheint, denn zu guter Letzt zeigt Napa, dass er wirklich keinerlei Skrupel kennt, aber zu diesem Zeitpunkt haben wir schon unsere Stempel und unterfertigten Papiere... Unser „Obolus“ für Napa beträgt 200 US Dollar, dafür inspiziert der gefürchtete Customs Beamte „Sleipnir2“ nur alibihalber und zeigt uns freundlich mit erhobenem Daumen „alles ok“, die Offiziellen von Quarantäne und Immigration bekommen wir nie zu Gesicht – dafür scheint Napa in Kupang allgegenwärtig Tür und Tor zu öffnen. Als Preisrelation sei angemerkt, dass wir für die Dienste zweier Indonesier, die unser Dinghy bzw. den Kat zwei Tage lang bewachen, Wasser und Benzin für uns schleppen, in Summe gerade mal zwei Euro zahlen, verschiedene Näharbeiten über die Dauer einer halben Stunde kosten kaum einen Euro (Trinkgeld und Foto inklusive).

Etliche Yachten haben gravierende Schwierigkeiten bei der Einreise nach Indonesien. Einige Schiffe werden an die Kette gelegt, anderen wird die Clearance verweigert ohne ein entsprechendes „Bond“ zu hinterlegen, oder sie werden von den Offiziellen am Ankerplatz schlichtweg ignoriert, wieder andere zahlen „doppelt“ auf Grund widersprüchlicher und willkürlicher „Erklärungen“ – dagegen wirken unsere „Problemchen“ mit Napa (wir können den Namen nicht mehr hören) geradezu lächerlich.

Nebenbei erwähnt haben wir in diesem Zusammenhang bereits im April die österreichische Botschaft kontaktiert und über die Situation informiert. Ein zuständiger Sachbearbeiter hat sich innerhalb kürzester Zeit „diplomatisch“ zu der Kausa Indonesieneinreise gemeldet, anschließend ist unser Anliegen „im Sand verlaufen“ – wir bedanken uns herzlichst für das „Engagement“ unserer österreichischen Vertreter in Jakarta... Gleiche Erfahrungen haben übrigens unsere deutschen Segelfreunde mit deren Botschaft gemacht.

Timor, die größte der kleinen Sundainseln, ist politisch zweigeteilt: West Timor gehört zum indonesischen Staatsgebiet, die Demokratische Republik Timor-Leste wird üblicherweise als Ost Timor bezeichnet. Dienstleistungen wären sagenhaft billig, wenn man das Verständigungsproblem lösen könnte. Zum ersten Mal auf dieser Reise begegnen wir (beide) einer Sprachbarriere – kaum jemand spricht auch nur bruchstückhaft Englisch oder eine andere Sprache aus zumindest Evis doch reichhaltigem Repertoire (im Nachhinein umso erstaunlicher die Kommunikationsmöglichkeiten in den so entlegenen, neolithisch anmutenden Louisiaden). Tourismus existiert kaum, sieht man von den wenigen Yachten ab, die hier über Napa ihr Glück mit der Einreise ins Land versuchen.
Was Wolfgang außerhalb der Stadt auf der Suche nach einer Bäckerei erlebt – und seine Reaktionen darauf – fallen hier der Zensur zum Opfer, jedenfalls wäre er in Österreich nackt mit violetter Zipfelmütze kaum mehr aufgefallen...
Die Bank, in der wir australische Dollar wechseln wollen - die weitaus stärkste Währung Ozeaniens - verweist uns auf den Schwarzmarkt...

Den kurzen Aufenthalt in Kupang verbringen wir größtenteils mit unserem Ankernachbarn Nick aus Zimbabwe. Ein offensichtlich kultivierter Mann im Outfit eines Vagabunden, der noch nicht weiß, ob er nach Malaysien oder Brasilien weitersegeln soll, um sich dann dort jeweils niederzulassen. „God bless you“ ruft er uns zum Abschied nach – das wünschen wir ihm auch von ganzem Herzen.
Bevor Napa noch phantasievoller beim Einheben sonderbarster Gebühren wird, gehen wir Anker auf Kurs Rinca, Heimat einer von weltweit nur drei Inseln der legendären Komodo-Drachen.

Auf der Fahrt nach Rinca drehen wir während der zweiten Nacht für eine Stunde bei, um ein Gewitter durchziehen zu lassen, wenig später gegen 4 Uhr morgens fällt durch die unruhigen Schiffsbewegungen der Deckel der Backskiste ungebremst auf die Finger von Evis rechter Hand. Wie durch ein Wunder erleidet Evi keinen offenen Bruch, aber der Grad der Verletzung ist für uns schwer einschätzbar, und es wird zehn Tage dauern, bis wir ein Spital aufsuchen können. Wir legen zunächst einen Salbenverband an, am folgenden Tag epoxieren wir einen übergezogenen Latexhandschuh und „gipsen“ derart mit Bordmitteln drei Finger ein – Copyright wird nicht erhoben. Es ist schnell klar, dass „Sleipnir2“ für einige Zeit dreihändig geführt werden wird, und Wolfgang - zum Leidwesen der Bordfrau - nicht nur die Backschaft übernimmt, sondern beispielsweise auch als Frisör fungiert und Evis Haare waschen muss.

Für die Nachtansteuerung der Südbucht von Rinca steht Evi wieder an der Pinne, leider gibt der Halbmond durch die dichte Wolkendecke wenig Licht, und die elektronische MaxSea Karte ist um die halbe Buchtbreite nach vorlich backbord versetzt. Wir zittern uns in die Bucht bis zu einer 11 Meter Stelle, lassen den Anker fallen und sind neugierig auf den nächsten Morgen, wenn wir sehen werden, wo wir gelandet sind…
Wir liegen vor einem langen Strand und beobachten während des Tages Rotwild, Wildschweine und Affen. Abends nach einer ausgiebigen Buchterkundung mit dem Dinghy erspähen wir „unseren“ ersten Drachen. Am nächsten Tag verfolgen wir einen Waran 20 Minuten mit dem Beiboot, ein anderes großes Exemplar zieht sich leider bald ins Unterholz zurück.
Nicht zuletzt wegen Evis eingeschränkter Beweglichkeit bleiben wir besser im Dinghy, kommen aber auch so bis auf ca. 15 Meter an einen Drachen heran, der geradezu majestätisch am Strand patrouilliert und sich seiner Unantastbarkeit wohl bewusst scheint.

Die Komodo-Warane sind mit maximal 3 Metern Länge die größten Echsen der Erde und leben ausschließlich auf Komodo, Rinca und West Flores. Der Biss dieser Aasfresser ist tödlich, und leider steht auch der Mensch am Speiseplan der urzeitlichen Tiere – zuletzt wurde vor wenigen Monaten ein Fischer Opfer der Warane. Die Crew der deutschen „Truant2“ bereichert ihre Reise um ein weiteres Erlebnis, als sie während eines Landgangs durch sehr „interessierte“ Warane in eine Notlage geraten, aus der sie sich mittels gezielt geworfener, faustgroßer Steine befreien können…

Unser nächster Ankerplatz an der Westküste von Rinca ist vermutlich der einsamste der bisherigen Segelreise. Von unserem Liegeplatz breiten sich sternförmig Buchtsysteme und Kanäle aus, die wir zwei Tage lang erforschen. Es scheint, als wären wir die einzigen menschlichen Wesen auf diesem Planeten – eine Horde Affen mustert die sonderbaren Gäste der Bucht von einem Hügel aus, und tatsächlich gehört dieser zeitlose Platz ausschließlich den Tieren über und unter Wasser.

Nachdem wir mit einem der lokalen Fischerboote einen abenteuerlichen Ausflug in das einzige Dorf Komodos und einen entbehrlichen Besuch in den Nationalpark unternehmen, legen wir schließlich mit Kurs Lombok ab.

Anhang:

William Bligh dient unter James Cook auf der HMS „Resolution“ als Navigator und pflegt vermutlich dadurch eine eher moderne und „aufgeklärte“ Schiffsführung. Das Bild, das Hollywood in den verschiedenen Verfilmungen der „Meuterei auf der Bounty“ zeigt, entspricht mit größter Wahrscheinlichkeit wenig der Realität.
Im Zuge der Reise unter James Cook fertigt Bligh Seekarten an, die bis in das 20. Jahrhundert Verwendung finden – bei der Ermordung Cooks auf Hawaii 1779 ist er Augenzeuge. Die Fahrt in der Barkasse nach der Aussetzung durch die Meuterer von der Bounty, vom 28.4. bis zum 14.6.1789, ist eine der längsten Seereisen in einem offenen Boot und vermutlich eine der herausragendsten navigatorischen Leistungen überhaupt. Mehrere zu Fiji gehörenden Inseln und der nördliche Teil der Neuen Hebriden (Vanuatu) werden von Bligh während dieser Fahrt entdeckt und aufgezeichnet, bevor er nach mehr als 6 Wochen und 3600 Seemeilen in Timor, dem damals östlichsten Vorposten einer europäischen Kolonialmacht, landet.



 

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