Brindisi bis San Vito

Mit kräftigem Nordwind legen wir am 26. Juli Kurs Otranto ab. Am Nachmittag hebt die Gischt am Wellenkamm ab und der nach Norden offene Hafen erscheint uns zu bewegt. Mit 7 bis 8 Knoten segeln wir nur unter Arbeitsfock weiter, am Leuchtturm von Otranto – dem östlichsten Punkt unserer Reise – vorbei und liegen noch vor der Dämmerung in St. Maria di Leuca vor Anker.

Hier nutzen wir zum ersten Mal unsere E-Mail – Einrichtung an Bord mittels Kurzwelle und Pactor. Wir verschicken und bekommen die ersten Mails, holen uns Windkarten (Grib Files) und geben dann auch unsere Position Reports durch. Vor allem Evi ist von den neuen Kommunikationsmöglichkeiten am Schiff angetan. Ihr Eifer am PC wird nur durch die Anzeigen am Batteriemonitor gebremst.

Wir nutzen nördliche Winde für den Schlag über den Golf von Tarent. Am späteren Nachmittag schläft der Wind ein, und wir müssen die letzten 20 Meilen motoren. Eine nähere Betrachtung der Gasplattformen 3 sm vor der Küste, stößt auf wenig Verständnis bei der dortigen Belegschaft.
Wir gehen – wie vor 5 Jahren – im neuen Hafen von Crotone längs und sind das einzige Schiff am mehrere hundert Meter langen Pier – trostlose Romantik gratis.

Die nächste Station ist der sehr enge Yachthafen von Le Castella, wo wir aus Platzgründen an einem anderen Boot festmachen müssen. Der Hafen ist Schauplatz eines Popkonzertes und wird gesperrt, nur die im Hafen „liegenden Yachties“ haben quasi Freikarten. Der Versuch, die Szene näher zu betrachten und einen der Wachgorillas zu provozieren, gelingt nur allzu gut. Wir werden wenig humorvoll zu unserem Schiff eskortiert – ein Schattenspender dieser Art wäre schon öfter von Nutzen gewesen…

Zwei Tage später können wir unter Spinnaker bis Roccella Ionica durchsegeln. Die Marina ist noch immer gratis und bunter Treffpunkt von Blauwasserseglern, die hier auf ihrem Weg nach Griechenland oder Gibraltar ein paar Tage Station machen.

Für die Weiterfahrt gibt es westlich von Roccella über eine längere Strecke keine Anlegemöglichkeiten an der italienischen Südküste, also steht unsere zweite Nachtfahrt an. Wir erreichen bei Dämmerung die Straße von Messina und haben großes Glück mit den Strömungsverhältnissen. Den besten Durchfahrtszeitpunkt mit Bezugsort Gibraltar haben wir uns nicht ausgerechnet, trotzdem schieben uns 1,5 Knoten Strom durch die Wasserstraße. Obwohl es bereits unsere fünfte Durchfahrt ist, sind der Verkehr und
die Strömung immer wieder beeindruckend.

Das Tyrrhenische Meer empfängt uns um 01.00 morgens mit Westwind – wir müssen kreuzen.
Gegen 05.00 zieht eine Front durch und mit ihr zwei kurz aufeinander folgende Wasserhosen, die genau auf uns zukommen. Wir laufen Richtung Messina ab. Wasserhosen haben bekanntlich – Gott sei dank – nur eine kurze Lebenszeit. Um 08.00 klart der Himmel auf, der Wind dreht auf Nord, und wir können direkt auf Milazzo anlegen.

Eine Stunde später werden wir fast von einem Frachter gerammt. Zu spät ändern wir den Kurs, fallen ab, aber der Schnittpunkt der Kurslinien liegt ungefähr bei „Sleipnirs“ Mastfuß. Ein kurzer Motoreinsatz rettet uns. Eine rote, hohe Schiffswand schiebt sich knapp an uns vorbei, und wir sind um eine Erfahrung reicher.

Mittags erreichen wir übermüdet Milazzo, ankern schließlich außerhalb der Hafeneinfahrt und machen keine weiteren Tagespläne.

Schon die längste Zeit plagt uns ein Problem: unsere Solarmodule laden nicht in die Batterien. Hier können wir unter Mithilfe von Freunden via Handy die Ursache bald feststellen: der Laderegler ist defekt. Es wird uns aber auch schnell klar, dass wir den Teil in Italien in den „ferragosto“ nicht bekommen werden.

Schneller als erhofft können wir am übernächsten Tag mit schwachem Nordnordostwind wieder auslaufen. Das Ablegen wird durch den „Charme“ der Stadt nicht weiter erschwert.
Die 63 sm nach Cefalu legen wir in 11 Stunden zurück und am Abend bewundern wir bereits die bekannte Kathedrale der Stadt.

Die nördlich von Palermo gelegene Badebucht Mondello wird dann die, durch Westwinde bedingte, längst erwartete 4-tägige Zwangspause. Mit teilweise über 30 Knoten bläst es aus der Bucht, der Schwell vom Meer kommt ca. 90 Grad versetzt. Die daraus resultierenden Schiffsbewegungen erschweren das Leben an Bord, inklusive den Anschlag an den Tasten des PCs. Schuld daran ist eine Schlechtwetterlage, die langsam von Nordwest nach Südost zieht und vom Ligurischen Meer bis in die Adria für Stürme und Gewitter
sorgt.

Am zweiten Abend verläuft die Ankerkette zwischen den Rümpfen nach Achtern gespannt, das Heck steht im Wind und ein hoher Schwell kommt genau dwars (90 Grad zur Schiffslängsachse). Auch erfahrenen Seglern würde das leicht ein: „Das hab ich auch noch nicht erlebt“ entlocken.

Nach der vierten Nacht hat sich das Meer überraschend schnell beruhigt, und wir versuchen unser Glück und legen San Vito, an der NW – Spitze Siziliens an. Mit fünf Segelwechsel – dazwischen dreimal motoren – haben wir uns die 28 sm hart erkämpft.

Aber San Vito lohnt sich immer: ein pulsierender Ferienort mit etwas tropischem Flair. Allerdings scheinen wir die einzigen Nichtitaliener zu sein. Abends sitzen wir mit den Füssen im Sand unter Palmen mit den ersten Caipirinhas der Reise.

Hier würden wir gerne noch ein bisschen bleiben, aber für die nächsten Tage sind östliche Winde vorhergesagt, und die dürfen wir für den Schlag nach Sardinien nicht auslassen.

Das Szenario an der Tankstelle vor dem Auslaufen überfordert ein wenig unsere mitteleuropäische Mentalität. Während der Tankwart überfällig ist, wird der Anlegesteg von Fischern okkupiert, die sich in südländischer Gelassenheit von den annähernden Booten nicht aus der Ruhe bringen lassen – und wer will schon eine Angelschnur im Propeller…? Eine dreiviertel Stunde später entschuldigt sich der Tankwart – sogar auf englisch – mit dem Hinweis: war spät gestern, man solle nur in seine Augen schaun…

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